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Herkunft als subtiler Motor – drei künstlerische Wege in der zeitgenössischen Malerei
Herkunft ist in der zeitgenössischen Kunst selten ein vordergründiges Thema. Sie wird nicht ausgestellt, nicht erklärt, nicht illustriert. Und doch wirkt sie oft als intuitiver Antrieb künstlerischer Entscheidungen – als innere Prägung, als Haltung gegenüber Material, Farbe und Bildraum. Gerade bei Kunstschaffenden, deren Biografien von Ortswechseln, kulturellen Verschiebungen und Neuverortungen geprägt sind, wird Herkunft zu einem Resonanzraum, der sich in der Arbeit nicht direkt zeigt, aber spürbar bleibt.
Die künstlerischen Positionen von Julio Fernandez, Koroush Namazi und Gia Hung lassen sich vor diesem Hintergrund besonders präzise lesen. Ihre Arbeiten unterscheiden sich fundamental in Ausdruck, Technik und Bildsprache. Was sie verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Stil als eine geteilte Erfahrung: Alle drei Künstler tragen unterschiedliche kulturelle Ursprünge in sich und haben ihre künstlerische Sprache jenseits klarer nationaler oder stilistischer Zuschreibungen entwickelt. Ihre Malerei ist das Ergebnis persönlicher Wege – und genau darin liegt ihre besondere Spannung.
Julio Fernandez – südamerikanische Prägung und europäische Materialität
Julio Fernandez lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Dresden, doch seine künstlerische Sensibilität speist sich aus mehr als einem kulturellen Kontext. Seine südamerikanischen Wurzeln bilden keinen expliziten Referenzrahmen seiner Arbeiten, wohl aber eine emotionale Grundierung. Ein ausgeprägtes Gespür für Farbe, für Licht und für atmosphärische Dichte zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk – eine Qualität, die weniger erlernt als erlebt wirkt.
Fernandez ist Autodidakt. Seine künstlerische Entwicklung verlief außerhalb akademischer Strukturen und ist geprägt von einem langen, konsequenten Experimentieren mit Material und Technik. Früh setzte er sich intensiv mit dem abstrakten Expressionismus auseinander, insbesondere mit gestischer Malerei und materialbetonten Ansätzen, ohne diese je direkt zu übernehmen. Stattdessen entwickelte er eine Arbeitsweise, in der der Prozess selbst zum zentralen Bestandteil des Bildes wird.
Seine Gemälde entstehen in aufwendigen Schichtungen. Farbe, Pigmente, Strukturpasten und Naturmaterialien werden über längere Zeiträume hinweg aufgetragen, überlagert, teilweise wieder freigelegt oder versiegelt. Frühere Zustände bleiben sichtbar, Entscheidungen werden nicht korrigiert, sondern integriert. Diese Haltung lässt sich auch biografisch lesen: als Akzeptanz von Überlagerungen, Brüchen und zeitlicher Tiefe. Werke wie „Woher kommen wir“ stehen exemplarisch für diesen Ansatz. Sie formulieren keine Antwort, sondern öffnen einen komplexen Bildraum, in dem Fragen nach Ursprung, Erinnerung und Veränderung in Farbe und Material aufgehoben sind. Eine Entschlüsselung seiner Bildwelten ohne Kenntnis seiner inneren Beweggründe bleibt daher oft nur fragmentarisch, lässt dafür aber viel Raum für eigene Interpretationen.
Koroush Namazi – Malerei zwischen innerer Bewegung, Zitaten und Hedonismus
Koroush Namazis künstlerische Entwicklung ist eng mit seinem biografischen Weg verbunden. Geboren und ausgebildet in Teheran, erhielt er seine prägende Schulung an einer Privatschule für Malerei, die er Mitte der 1980er-Jahre mit Examen abschloss. Früh war er nicht nur als Künstler, sondern auch als Lehrer tätig – eine Erfahrung, die seine reflektierte, zugleich praxisnahe Haltung zur Malerei bis heute prägt. Ende der achtziger Jahre führte ihn sein Weg nach Deutschland, wo sich sein Blick zunehmend auf die urbane Gegenwart und ihre psychologischen Spannungsfelder richtete.
Im Zentrum von Namazis Ausbildung stand stets die Malerei – doch seine Werke zeugen von einer großen Vertrautheit mit der jüngeren Kunstgeschichte, die er bewusst zitiert, variiert und neu interpretiert. Diese Referenzen treten nicht akademisch auf, sondern sind integraler Bestandteil einer Bildsprache, die Figuration, Fragmentierung und erzählerische Offenheit miteinander verbindet. Kubistische Einflüsse, Collageelemente und fotografische Fragmente verschränken sich zu komplexen Bildräumen.
Thematisch kreist die Arbeit des in Mainz lebenden Kunstschaffenden um den Menschen in einer verdichteten, urbanen Welt. Architektur, Fassaden, Innenräume und anonyme Stadtszenarien bilden häufig den Rahmen für Figuren, die weniger porträtiert als typisiert erscheinen. Sie verkörpern Zustände: Nähe und Distanz, Genuss und Leere, Selbstinszenierung und innere Suche – und lassen dabei häufig einen offensiven Hedonismus erkennen. Dieses Feiern des Lebens kann im Kontext mit den gegensätzlichen Gesellschaftsentwürfen gelesen werden, wie sie der Wahlmainzer im Iran und in Deutschland erlebt hat. Arbeiten wie „Peace within You“ zeigen exemplarisch die Bildsprache Namazis, die virtuos zwischen Abstraktion, figurativen Ansätzen und einer fantasievollen Collagetechnik changieren. Die Suche nach innerer Ruhe erscheint hier nicht als harmonischer Zustand, sondern als Prozess, der sich in einem fragmentierten, spannungsvollen Bildraum vollzieht.
Gia Hung – vietnamesische Wurzeln und die Disziplin des Augenblicks
Auch Gia Hung hat seine Wurzeln auf einem anderen Kontinent und in einer Kultur, die deutliche Unterschiede zum europäischen Selbstverständnis aufweist. Der heute in Detmold lebende Künstler wuchs in Vietnam auf und kam Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland. Seine ersten künstlerischen Schritte machte er als Porträtmaler – eine frühe Phase, die sein Gespür für Präsenz und Ausdruck nachhaltig prägte. Erst später wandte er sich konsequent der abstrakten Malerei zu und entwickelte über Jahre hinweg eine Arbeitsweise, die gleichermaßen von Spontaneität und strenger Disziplin bestimmt ist.
Seine Techniken erarbeitete sich der bekennende Autodidakt mit großer Akribie, stets getrieben von dem Anspruch, den Moment der Entstehung nicht zu verwässern. Viele seiner Verfahren lassen keine Korrektur zu; jede Bewegung ist endgültig. Diese Unumkehrbarkeit verleiht seinen Arbeiten eine besondere Intensität. Farbe ist bei ihm kein Mittel zur Beschreibung, sondern unmittelbarer Ausdruck von Energie und Bewegung.
Oft arbeitet er dabei in Serien und kreiert dabei Werksreihen wie beispielsweise „Magic Forest“, in der sich diese Haltung und Vorgehensweise besonders klar manifestieren: Die Komposition innerhalb dieser Reihe entfalten sich aus einem Zusammenspiel von dynamischen Farbflächen und verzweigten Linienstrukturen, die an organische Prozesse oder natürliche Systeme erinnern. Trotz aller Expressivität bleibt eine innere Ordnung spürbar, die sich als sensibles Gleichgewicht zwischen Kraft und Balance lesen lässt – eine Haltung, die auch vor dem Hintergrund seiner vietnamesischen Herkunft Plausibilität gewinnt.
Drei Biografien, ein gemeinsamer Erfahrungshorizont
Was Fernandez, Namazi und Gia Hung verbindet, ist die Erfahrung des Dazwischen. Herkunft wird in ihren Arbeiten nicht thematisiert, sondern verarbeitet. Sie wirkt als subtiler Hintergrund, der den Umgang mit Material, Raum und Bildsprache prägt. Alle drei Künstler vermeiden eindeutige Aussagen und setzen stattdessen auf Offenheit, Mehrdeutigkeit und Prozesshaftigkeit.
Ihre Unterschiede machen diesen Dialog erst interessant: die kontemplative Materialität bei Fernandez, die psychologisch-urbane Narration bei Namazi, die energetische Unmittelbarkeit bei Gia Hung. Gemeinsam zeigen sie, wie zeitgenössische Malerei heute aus individuellen Biografien heraus entsteht – jenseits nationaler Zuschreibungen und stilistischer Dogmen.
Kontext und kuratorischer Rahmen
Dass diese drei eigenständigen Positionen gemeinsam sichtbar werden, folgt einem kuratorischen Ansatz, der Vielfalt nicht glättet, sondern bewusst nebeneinanderstellt. Alle drei Künstler werden von der Neuen Galerie Dresden vertreten, die sich auf zeitgenössische Malerei mit individueller Handschrift spezialisiert hat. Ihre Werke können nicht nur in den Ausstellungen der Kunstgalerie besichtigt werden: Auch auf der Onlineplattform https://diekunstmacher.de ist ein umfangreiches Portfolio zu finden, das zahlreiche Werke der drei hier vorgestellten Kunstschaffenden beinhaltet.
Fazit – Malerei als gelebte Erfahrung
Die Arbeiten von Julio Fernandez, Koroush Namazi und Gia Hung zeigen, wie sehr zeitgenössische Malerei von biografischen Erfahrungen geprägt sein kann, ohne diese explizit auszustellen. Herkunft wirkt hier als im Verborgenen arbeitender Antrieb, nicht als laute Botschaft. Ihre Kunst eröffnet Räume, die nicht erklären, sondern erfahrbar machen.
In einer Zeit visueller Überreizung behaupten diese Werke ihre Wirkung durch Konzentration, Tiefe und Eigenständigkeit. Sie erzählen keine linearen Geschichten, doch sie tragen Geschichten in sich – von Bewegung, Veränderung und der Suche nach einer eigenen künstlerischen Sprache in einer komplexen Welt.
Autor: Christoph Laux










