Karl Blossfeldt – Seine schönsten Bilder
Eine Farnspitze, die sich einrollt wie der Schnörkel einer Geige, eine Kürbisranke wie aus Schmiedeeisen, ein Schachtelhalm wie eine Säule: Karl Blossfeldt fotografierte Pflanzen so nah und so klar, dass sie wie Kunstwerke aussehen.
Dabei wollte er gar kein Künstler sein. Blossfeldt war Lehrer an einer Berliner Kunstschule und machte die Fotos als Vorlagen für seine Schüler. Erst mit 63 Jahren veröffentlichte er sie in dem Buch „Urformen der Kunst“, das ihn schlagartig berühmt machte. Hier stellen wir seine schönsten Pflanzenbilder vor.
- Lebensdaten
- 13. Juni 1865 (Schielo im Harz) – 9. Dezember 1932 (Berlin)
- Lebensorte
- Harz, ab 1884 Berlin; Studienreisen nach Italien, Griechenland und Nordafrika
- Berühmte Werke
- Urformen der Kunst, Wundergarten der Natur, Schachtelhalm, Kürbisranke, Farnwedel
- Typisch
- Pflanzen in starker Vergrößerung, neutraler Hintergrund, strenge Symmetrie, Schwarz-Weiß
Inhalt
Woran erkennt man ein Foto von Karl Blossfeldt?
Blossfeldt baute seine Kameras selbst und vergrößerte Knospen, Ranken und Samenkapseln bis zu dreißigfach. Details werden zu Skulpturen.
Jede Pflanze steht allein vor einem schlichten hellen oder grauen Grund, ohne Erde, ohne Umgebung.
Seine Pflanzen sehen aus wie Säulen, Kapitelle, Bischofsstäbe oder Gitter. Er wollte zeigen, dass die Natur die erste Baumeisterin ist.
Stängel stehen senkrecht in der Mitte, Blätter sind symmetrisch angeordnet. Oft hat er Blätter entfernt, damit die Form klarer wird.
Ohne Farbe kommen Struktur, Linie und Licht umso stärker zur Geltung.
- 1865Geburt in Schielo im Harz.
- 1881Lehre als Modelleur in der Kunstgießerei Mägdesprung, wo er Ornamente für Eisenguss formt.
- 1884Mit einem Stipendium studiert er an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin.
- 1890Mit dem Maler Moritz Meurer reist er sechs Jahre durch Italien, Griechenland und Nordafrika, sammelt Pflanzen und fertigt Lehrmodelle.
- 1898Er wird Lehrer an der Berliner Kunstgewerbeschule und unterrichtet über 30 Jahre lang „Modellieren nach lebenden Pflanzen“. Für den Unterricht fotografiert er Tausende Pflanzen.
- 1926Der Galerist Karl Nierendorf zeigt seine Fotografien erstmals in einer Ausstellung.
- 1928Das Buch „Urformen der Kunst“ mit 120 Tafeln erscheint und wird ein internationaler Erfolg. Walter Benjamin lobt es in einer berühmten Besprechung.
- 1932Kurz vor seinem Tod erscheint ein zweites Buch, „Wundergarten der Natur“.
Die schönsten Fotografien von Karl Blossfeldt

Karl Blossfeldt: Equisetum hiemale (Winter-Schachtelhalm)
- veröffentlicht 1928
- Fotografie, Tafel 1 aus „Urformen der Kunst“
- Rijksmuseum, Amsterdam
Mit diesem Bild beginnt „Urformen der Kunst“: Die Triebe des Schachtelhalms stehen senkrecht nebeneinander, gegliedert durch feine Ringe, und sehen aus wie kannelierte Säulen eines Tempels. Blossfeldt wählte das Motiv bewusst als erstes, denn es zeigt seine Grundidee: Die Formen, die Baumeister seit der Antike verwenden, gab es in der Natur schon lange vorher.

Karl Blossfeldt: Adiantum pedatum (Haarfarn), junge Wedel
- veröffentlicht 1928
- Fotografie, Tafel aus „Urformen der Kunst“
Junge Farnwedel rollen sich ein wie Bischofsstäbe oder die Schnecke am Kopf einer Geige. Die Spirale wiederholt sich in jedem Blatt, kleiner und kleiner. Es ist eines der beliebtesten Motive Blossfeldts, weil es so deutlich zeigt, wie viel Ornament schon in der Natur steckt. Der Jugendstil hatte solche Formen nur wenige Jahrzehnte vorher in Eisen und Glas nachgebildet.

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Karl Blossfeldt: Cucurbita (Kürbis), Ranke
- vor 1928
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Eine Kürbisranke windet sich in eleganten Spiralen um einen Stängel, als hätte ein Kunstschmied sie aus Eisen gebogen. Die Locken greifen ins Leere und suchen Halt. Blossfeldt fotografierte die Ranke vor neutralem Grund, sodass jede Windung klar hervortritt. Kaum ein Bild zeigt so deutlich, warum Künstler und Designer seine Fotos bis heute als Vorlage nutzen.

Karl Blossfeldt: Acanthus mollis (Weicher Akanthus), Blütenstand
- vor 1928
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Der Blütenstand des Akanthus wirkt wie eine Reihe stacheliger Krönchen, übereinandergestapelt an einem Stängel. Die Pflanze hat in der Kunstgeschichte eine besondere Rolle: Ihre Blätter waren schon im antiken Griechenland das Vorbild für die Verzierung der korinthischen Säulenkapitelle. Für Blossfeldt war sie der beste Beweis, dass die Baukunst von der Natur gelernt hat.

Karl Blossfeldt: Dipsacus laciniatus (Schlitzblättrige Karde)
- vor 1928
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Zwei Blätter umschließen den Stängel und bilden zusammen eine Form wie ein Herz oder eine Schale, an den Rändern besetzt mit feinen Stacheln. In der Mitte sammelt sich bei der echten Pflanze Regenwasser. Blossfeldt hat das Blattpaar so frontal fotografiert, dass es wie ein kunstvoll geschmiedetes Wappen aussieht.

Karl Blossfeldt: Allium ostrowskianum (Zierlauch), Blütendolde
- vor 1928
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Die kleinen Blüten des Zierlauchs öffnen sich wie Sterne aus einem gemeinsamen Punkt, getragen von einem schlanken Stängel. In Blossfeldts Vergrößerung wird aus der unscheinbaren Gartenpflanze ein Gebilde, das an eine Krone oder an einen gotischen Leuchter erinnert. Gerade solche Alltagspflanzen machte er zu Hauptdarstellern.

Karl Blossfeldt: Papaver orientale (Türkischer Mohn), Samenkapsel
- 1928–1932
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Wo im Frühsommer leuchtend rote Blüten waren, steht jetzt eine Samenkapsel, gekrönt von einer gezackten Scheibe wie ein Deckel. Blossfeldt zeigt den Mohn nicht in seiner Blüte, sondern in diesem stillen Moment danach. Die Kapsel wirkt wie ein Gefäß, eine Urne oder ein Turm mit Zinnen. Das Bild stammt aus seinen späten Jahren.

Karl Blossfeldt: Impatiens glandulifera (Drüsiges Springkraut), Stängel
- vor 1928
- Silbergelatineabzug
- J. Paul Getty Museum, Los Angeles
Ein Stängel mit abgeschnittenen Blattstielen, die sich nach beiden Seiten wie Arme oder die Haken eines Kerzenleuchters biegen. Blossfeldt hat die Blätter entfernt, um nur die reine Form zu zeigen. So wird aus einer wuchernden Uferpflanze eine strenge, fast grafische Skulptur. Das Bild zeigt besonders gut seine Arbeitsweise: weglassen, bis nur noch das Wesentliche bleibt.
Wo kann man Blossfeldts Fotografien sehen?
Seine Lehrsammlung mit Tausenden Fotografien verwahrt die Universität der Künste in Berlin, an deren Vorgängerschule er unterrichtet hat. Eine bedeutende Sammlung seiner Originalabzüge gehört der Stiftung Ann und Jürgen Wilde und ist in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen. Außerhalb Deutschlands besitzen unter anderem das J. Paul Getty Museum in Los Angeles und das Rijksmuseum in Amsterdam Abzüge. Seine Bücher werden bis heute nachgedruckt.
Fazit: Der Fotograf der Pflanzen
Blossfeldt wollte Schülern zeigen, wie man Ornamente entwirft, und schuf dabei Bilder, die heute zu den Klassikern der Fotografie gehören. Mit ihrer Klarheit und Sachlichkeit passen sie genau in ihre Zeit. Mehr über diese Kunstrichtung erfährst du in unserem Beitrag zur Neuen Sachlichkeit. Wie der Jugendstil mit Pflanzenformen spielte, zeigt unser Beitrag zum Jugendstil.

















