Berühmte Gemälde bekannter Künstler: Der Jugendstil
Um 1900 hat eine junge Künstlergeneration genug davon, immer nur alte Stile nachzuahmen. Statt neugotischer Kirchen und Neorenaissance-Fassaden wollen sie etwas ganz Eigenes: geschwungene Linien, Blüten und Ranken, schöne Frauen mit wallendem Haar. Der Jugendstil ist geboren.
Seinen deutschen Namen verdankt er der Münchner Zeitschrift „Jugend“, die ab 1896 erscheint. In Frankreich und Belgien heißt er Art nouveau, in Wien Secessionsstil. Und er bleibt nicht auf der Leinwand: Plakate, Möbel, Schmuck, Vasen, Bücher und ganze Häuser werden zu Kunstwerken.
- Zeitraum
- ca. 1890–1914
- Ursprung
- ganz Europa – Paris, Brüssel, München, Wien, Darmstadt
- Wichtige Künstler
- Alfons Mucha, Gustav Klimt, Henri de Toulouse-Lautrec, Franz von Stuck, Aubrey Beardsley, Koloman Moser
- Typisch
- Schwungvolle Linien, Pflanzenornamente, Frauenfiguren, Kunst für den Alltag
Inhalt
Woran erkennt man ein Werk des Jugendstils?
Lange, schwingende Linien wie Ranken oder ein Peitschenhieb geben jedem Bild, jedem Möbel und jeder Fassade Bewegung.
Lilien, Mohn, Seerosen und Pfauenfedern – die Natur liefert die Formen, aber stark vereinfacht und zum Muster gemacht.
Wie im japanischen Holzschnitt: kräftige Umrisse, ruhige Farbflächen und kaum räumliche Tiefe.
Wallendes Haar, fließende Gewänder, ein Kranz aus Blüten oder Sternen hinter dem Kopf – die Frau ist das große Motiv der Epoche.
Keine Trennung mehr zwischen hoher Kunst und Handwerk: Ein Plakat, ein Stuhl oder eine Brosche kann ebenso Kunst sein wie ein Gemälde.
- 1891Henri de Toulouse-Lautrec gestaltet sein erstes Plakat – für das Pariser Varieté Moulin Rouge.
- 1892In München gründen Künstler die Secession, Franz von Stuck ist eines der Gründungsmitglieder.
- 1895Am Neujahrstag hängt Alfons Muchas Plakat „Gismonda“ in den Straßen von Paris – Mucha ist über Nacht berühmt.
- 1896In München erscheint die erste Ausgabe der Zeitschrift „Jugend“. Sie gibt dem Stil seinen deutschen Namen.
- 1897Gustav Klimt wird erster Präsident der neu gegründeten Wiener Secession.
- 1899Großherzog Ernst Ludwig gründet die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt.
- 1908Klimt zeigt „Der Kuss“ auf der Kunstschau in Wien. Der österreichische Staat kauft das Bild noch während der Ausstellung.
- 1914Mit dem Ersten Weltkrieg endet die Zeit des Jugendstils.
Berühmte Gemälde und Plakate bekannter Künstler des Jugendstils

Alfons Mucha: Gismonda
- 1894
- Farblithografie (Plakat)
- 216 x 74 cm
Weihnachten 1894 in Paris: Die gefeierte Schauspielerin Sarah Bernhardt braucht dringend ein neues Plakat für ihr Theaterstück „Gismonda“. In der Druckerei ist gerade nur ein junger tschechischer Illustrator da – Alfons Mucha. Er entwirft ein fast lebensgroßes, schmales Plakat: Bernhardt in prächtigem Gewand mit einem Palmzweig, darüber ein Bogen aus Mosaik. Als es Anfang 1895 in den Straßen hängt, schneiden Sammler es heimlich von den Wänden. Bernhardt gibt Mucha einen Vertrag über sechs Jahre.

Alfons Mucha: Zodiaque
- 1896
- Farblithografie
- 66 x 48 cm
Eine Frau im Profil, mit kostbarem Schmuck im Haar, hinter ihrem Kopf ein Kreis mit den zwölf Tierkreiszeichen: Muchas „Zodiaque“ ist der Jugendstil in Reinform. Ursprünglich entwarf er das Blatt als Kalender für seinen Drucker Champenois. Die Kunstzeitschrift „La Plume“ übernahm das Motiv dann für ihren eigenen Kalender. Es wurde eines der beliebtesten Motive Muchas – und zeigt, wie gut Kunst und Werbung damals zusammengingen.

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Gustav Klimt: Der Kuss
- 1908–1909
- Öl und Blattgold auf Leinwand
- 180 x 180 cm
- Belvedere, Wien
Ein Liebespaar am Rand einer Blumenwiese, eingehüllt in einen einzigen goldenen Mantel. Sein Gewand ist mit schwarzen und weißen Rechtecken gemustert, ihres mit bunten Kreisen und Blüten – zwei Welten, die im Gold verschmelzen. Klimt verwendete echtes Blattgold, wie die Maler mittelalterlicher Ikonen. „Der Kuss“ ist das Hauptwerk seiner „goldenen Periode“ und eines der bekanntesten Liebesbilder der Welt.

Henri de Toulouse-Lautrec: Moulin Rouge – La Goulue
- 1891
- Farblithografie (Plakat)
- 191 x 117 cm
- u. a. Metropolitan Museum of Art, New York
In der Mitte wirbelt die Cancan-Tänzerin La Goulue ihre Röcke hoch, davor schiebt sich ihr Tanzpartner Valentin le Désossé, „der Knochenlose“, als graue Silhouette ins Bild. Das Publikum im Hintergrund ist nur eine Reihe schwarzer Schatten. Mit flachen Farbflächen und einem kühnen Bildausschnitt, abgeschaut bei japanischen Holzschnitten, macht Toulouse-Lautrec das Plakat zur Kunstform – und sich selbst in Paris berühmt.

Franz von Stuck: Die Sünde
- 1893
- Öl auf Leinwand
- Neue Pinakothek, München
Aus tiefer Dunkelheit leuchtet ein heller Frauenkörper, um den sich eine riesige Schlange windet. Ihr Kopf liegt auf der Schulter der Frau, beide blicken uns direkt an. Das Bild war auf der ersten Ausstellung der Münchner Secession ein Skandal und eine Sensation zugleich. Stuck malte mehrere Fassungen – eine davon ließ er wie ein Altarbild in das Atelier seiner Villa einbauen, die er selbst als Gesamtkunstwerk entworfen hatte.
Jugendstil zum Anfassen: Häuser, Métro und Mathildenhöhe
Wer Jugendstil erleben will, muss nicht ins Museum. In Paris führen bis heute die grünen Métro-Eingänge von Hector Guimard mit ihren Lampen wie Blütenstängel in den Untergrund. In Wien steht das goldene Secessionsgebäude mit dem Leitspruch „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“. In Barcelona verwandelt Antoni Gaudí ganze Häuser in Wellen und Grotten. Und die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt gehört seit 2021 zum UNESCO-Welterbe.
Viele Ideen des Jugendstils stammen übrigens aus Japan: Die flachen Farben, klaren Linien und ungewöhnlichen Bildausschnitte haben Mucha, Toulouse-Lautrec und Klimt beim japanischen Holzschnitt gesehen.
Fazit: Schönheit für alle
Der Jugendstil wollte die Welt schöner machen, und zwar nicht nur in Galerien, sondern auf der Straße, im Wohnzimmer und am Frühstückstisch. Muchas Frauen, Klimts Gold und Toulouse-Lautrecs Plakate haben gezeigt, dass Kunst und Alltag zusammengehören. Der Stil selbst endete mit dem Ersten Weltkrieg. Seine Motive aber sind heute so beliebt wie damals – auf Postern, Tassen und T-Shirts.
















