Berühmte Gemälde bekannter Künstler: Die Neue Sachlichkeit
Nach dem Ersten Weltkrieg haben viele Künstler genug vom großen Gefühl. Der Expressionismus mit seinen Schreien und Farbexplosionen erscheint ihnen überholt. In der jungen Weimarer Republik wollen sie die Welt so zeigen, wie sie ist: kühl, genau und ohne Beschönigung. Sie malen Großstadtmenschen, Kriegsversehrte, Fabriken und Stillleben mit Kakteen, glatt und scharf wie eine Fotografie.
Ihren Namen bekam die Bewegung 1925 durch eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim: „Neue Sachlichkeit“. Zur selben Zeit entdeckt auch die Fotografie den sachlichen Blick. Der Berliner Professor Karl Blossfeldt zeigt Pflanzen so stark vergrößert, dass sie aussehen wie Säulen, Kelche und Skulpturen.
- Zeitraum
- ca. 1920–1933
- Ursprung
- Deutschland (Weimarer Republik)
- Wichtige Künstler
- Otto Dix, George Grosz, Christian Schad, Max Beckmann, Georg Schrimpf, Alexander Kanoldt, Carl Grossberg, Karl Blossfeldt (Fotografie)
- Typisch
- Nüchternheit, Präzision, glatte Oberflächen, Großstadt, Technik, Dinge
Inhalt
Woran erkennt man ein Werk der Neuen Sachlichkeit?
Kein Pathos, keine Verklärung: Menschen und Dinge werden nüchtern und mit fast wissenschaftlicher Distanz betrachtet.
Die Pinselspur verschwindet. Wie bei den alten Meistern der Renaissance entsteht eine glatte, fein gemalte Oberfläche.
Stillleben, Maschinen, Häuser und Pflanzen werden scharf umrissen und wirken oft seltsam still und isoliert.
Vor allem die „Veristen“ zeigen die Weimarer Republik schonungslos: Kriegskrüppel, Spekulanten, Nachtclubs und Elend.
Schärfe, Nahsicht und klare Ausschnitte – Malerei und Fotografie beeinflussen sich gegenseitig.
- 1919Die Weimarer Republik wird gegründet, in Weimar entsteht das Bauhaus.
- 1923Im Inflationsjahr kündigt Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Kunsthalle Mannheim, eine Ausstellung neuer, sachlicher Malerei an.
- 1925Die Ausstellung „Die neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ in Mannheim gibt der Bewegung ihren Namen.
- 1928Karl Blossfeldt veröffentlicht sein Fotobuch „Urformen der Kunst“ – es wird ein Bestseller.
- 1929Die Weltwirtschaftskrise beendet die „Goldenen Zwanziger“.
- 1932Karl Blossfeldt stirbt in Berlin, kurz nach seinem zweiten Buch „Wundergarten der Natur“.
- 1933Die Nationalsozialisten kommen an die Macht. Otto Dix verliert seine Professur, George Grosz ist bereits in die USA emigriert.
Berühmte Gemälde bekannter Künstler der Neuen Sachlichkeit

Georg Schrimpf: Stillleben mit Katze (Ofenecke)
- 1923
- Pinakothek der Moderne, München
Eine Ofenecke in einer einfachen Wohnung, ein paar Gefäße, eine Katze, die sich zusammengerollt hat: Mehr braucht Georg Schrimpf nicht. Alles ist in weichen, gerundeten Formen und gedämpften Farben gemalt, ganz ruhig und zeitlos. Schrimpf war gelernter Konditor und hatte sich das Malen selbst beigebracht. Er gehört zum stillen, „klassizistischen“ Flügel der Neuen Sachlichkeit, der eine heile Gegenwelt zur hektischen Großstadt zeigt.

Alexander Kanoldt: Kaktus-Stillleben
- 1923
- Lenbachhaus, München
Kakteen in Töpfen waren ein Lieblingsmotiv der Neuen Sachlichkeit – sachlicher, stacheliger und widerspenstiger als jede Blume. Kanoldt stellt einen Kaktus im Topf neben eine Vase und zwei Bücher, alles wie geometrische Körper, mit scharfen Konturen, kühlen Farben und harten Schatten. Nichts bewegt sich, nichts erzählt eine Geschichte, und gerade dadurch wirkt das Bild seltsam magisch. Kanoldt war 1925 in der Mannheimer Ausstellung vertreten, die der Bewegung ihren Namen gab.

Carl Grossberg: Der gelbe Kessel
- 1933
- Öl auf Leinwand
- Von der Heydt-Museum, Wuppertal
Ein riesiger gelber Kessel in einer menschenleeren Fabrikhalle, umgeben von Rohren, Ventilen und Leitungen. Carl Grossberg, der kurz am Bauhaus studiert hatte, malte Maschinen und Industrieanlagen so sorgfältig wie andere Maler Porträts. Seine Bilder bewundern die moderne Technik und wirken zugleich unheimlich still – als hätte die Maschine den Menschen bereits ersetzt.
Karl Blossfeldt: Die Neue Sachlichkeit der Fotografie
Karl Blossfeldt (1865–1932) war kein Fotograf im üblichen Sinn, sondern Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Berlin. Über drei Jahrzehnte fotografierte er mit selbst gebauten Kameras Knospen, Stängel, Samenkapseln und Blätter, stark vergrößert und vor neutralem Hintergrund. Seine Studenten sollten an ihnen lernen, wie die Natur Ornamente baut. Erst mit über 60 Jahren wurde er berühmt: Sein Buch „Urformen der Kunst“ erschien 1928 und begeisterte Künstler, Architekten und Kritiker. Der Philosoph Walter Benjamin schrieb darüber eine begeisterte Rezension.

Karl Blossfeldt: Equisetum hiemale (Winter-Schachtelhalm)
- veröffentlicht 1928
- Fotografie, Tafel 1 aus „Urformen der Kunst“
- Rijksmuseum, Amsterdam
Mit dieser Tafel beginnt das Buch: ein Schachtelhalm, so stark vergrößert, dass seine Glieder aussehen wie die Säulen eines Tempels oder ein Turm aus Ringen. Gerade weil Blossfeldt nichts inszeniert, kein Licht dramatisiert und keine Stimmung erzeugt, wird das Bild so eindringlich. Die Pflanze erscheint als Bauplan, als ob die Natur selbst Architektin wäre.

Karl Blossfeldt: Adiantum pedatum (Haarfarn), junge Wedel
- veröffentlicht 1928
- Fotografie, Tafel aus „Urformen der Kunst“
Zwei junge Farnwedel, die sich gerade entrollen, eingeringelt wie die Schnecke einer Geige oder ein Bischofsstab. Eines von Blossfeldts berühmtesten Motiven zeigt, was ihn faszinierte: dass in jeder Pflanze schon die Formen stecken, die Menschen seit Jahrtausenden in Säulen, Gittern und Schmuck verwenden. Heute hängen seine Fotografien in den großen Museen der Welt.

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Zur Blossfeldt-Kollektion →Dix, Grosz und Schad: Die Veristen
Die bekanntesten Bilder der Neuen Sachlichkeit stammen von den sogenannten Veristen. Otto Dix malte die Kriegsversehrten und Nachtclubs der Großstadt, etwa im Triptychon „Großstadt“ (1927/28, Kunstmuseum Stuttgart) oder im „Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden“ (1926, Centre Pompidou, Paris). George Grosz verspottete in „Stützen der Gesellschaft“ (1926, Neue Nationalgalerie, Berlin) Militärs, Journalisten und Politiker als hohle Köpfe. Christian Schad malte kühle, rätselhafte Porträts der Berliner Bohème. Da ihre Werke noch urheberrechtlich geschützt sind, zeigen wir sie hier nicht – ein Museumsbesuch lohnt sich umso mehr.
Auch Max Beckmann stand der Bewegung nahe und war in der Mannheimer Ausstellung vertreten, ging aber bald seinen ganz eigenen Weg.
Fazit: Der genaue Blick
Die Neue Sachlichkeit war eine kurze Epoche, eingeklemmt zwischen zwei Katastrophen. Sie hat gezeigt, dass Nüchternheit nicht langweilig sein muss: Ein Kaktus, ein Kessel oder ein Schachtelhalm können ebenso viel erzählen wie ein Schlachtengemälde. Mit dem Jahr 1933 war diese Freiheit vorbei. Ihr genauer, unbestechlicher Blick aber hat die Malerei, die Fotografie und das Design des 20. Jahrhunderts tief geprägt.
















