Berühmte Gemälde bekannter Künstler: Der Expressionismus
Blaue Pferde, grüne Gesichter, Straßen, die wie Messer in die Tiefe stürzen: Der Expressionismus zeigt die Welt nicht so, wie sie aussieht, sondern wie sie sich anfühlt. Der Name kommt vom lateinischen „expressio“ – Ausdruck. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wollen junge Künstlerinnen und Künstler ihre Angst, ihre Lebenslust und ihre Wut direkt auf die Leinwand bringen.
Das Zentrum der Bewegung liegt in Deutschland und Österreich. In Dresden gründen Kunststudenten 1905 die Gruppe „Brücke“, in München entsteht 1911 der „Blaue Reiter“, und in Wien zeichnet der junge Egon Schiele Körper, wie sie noch niemand gezeigt hat.
- Zeitraum
- ca. 1905–1925
- Ursprung
- Deutschland und Österreich
- Wichtige Künstler
- Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Wassily Kandinsky, Paula Modersohn-Becker, Egon Schiele, Edvard Munch als Wegbereiter
- Typisch
- Ausdruck, Gefühl, starke Farben, verzerrte Formen
Inhalt
Woran erkennt man ein expressionistisches Gemälde?
Nicht die richtige Perspektive zählt, sondern der innere Zustand: Angst, Rausch, Einsamkeit oder Glück.
Ein Pferd darf blau sein und ein Gesicht grün. Die Farbe beschreibt keine Dinge mehr, sondern Stimmungen.
Eckige Körper, schiefe Häuser, überlange Figuren – Vorbilder sind mittelalterliche Holzschnitte und Kunst aus Afrika und Ozeanien.
Die Farbe wird schnell und kräftig aufgetragen, oft in groben Strichen. Man soll sehen, dass hier jemand mit voller Energie gemalt hat.
Die einen malen die Hektik von Berlin mit seinen Straßen und Nachtlokalen, die anderen sehnen sich nach einer unberührten Natur.
- 1893Der Norweger Edvard Munch malt „Der Schrei“ – ein Vorbote der neuen Malerei.
- 1905In Dresden gründen Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl die Künstlergruppe „Brücke“.
- 1907Paula Modersohn-Becker stirbt mit 31 Jahren, kurz nach der Geburt ihrer Tochter.
- 1911Wassily Kandinsky und Franz Marc gründen in München den „Blauen Reiter“. Die Brücke-Maler ziehen nach Berlin.
- 1912Der Almanach „Der Blaue Reiter“ erscheint, eine der wichtigsten Kunstschriften des Jahrhunderts.
- 1916Franz Marc fällt im Ersten Weltkrieg vor Verdun.
- 1918Egon Schiele stirbt mit 28 Jahren an der Spanischen Grippe, drei Tage nach seiner Frau Edith.
- 1937Die Nationalsozialisten zeigen Werke der Expressionisten als „entartete Kunst“ und entfernen Tausende Bilder aus den Museen.
Berühmte Gemälde bekannter Künstler des Expressionismus

Edvard Munch: Der Schrei
- 1893
- Tempera, Öl und Pastell auf Karton
- 91 x 74 cm
- Nationalmuseum, Oslo
Eine Gestalt mit einem Kopf wie ein Totenschädel hält sich die Ohren zu, hinter ihr glüht der Himmel blutrot über dem Fjord von Oslo. Munch hat beschrieben, wie er bei Sonnenuntergang spazieren ging, der Himmel sich plötzlich rot färbte und er einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur gehen spürte. Die Figur schreit also nicht selbst, sie hört den Schrei der Welt. Munch schuf mehrere Fassungen; „Der Schrei“ wurde zur Ikone der Angst im modernen Leben.

Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag
- 1906
- Öl auf Pappe
- 102 x 70 cm
- Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
Mit nacktem Oberkörper, einer Bernsteinkette und den Händen auf dem Bauch zeigt sich die Malerin, als wäre sie schwanger – was sie damals noch nicht war. Das Bild gilt als erstes Akt-Selbstbildnis einer Malerin in der Kunstgeschichte. Paula Modersohn-Becker malte es in Paris, wohin sie ihrem Mann Otto Modersohn und der Künstlerkolonie Worpswede davongelaufen war. Auf das Bild schrieb sie: „Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstag“. Ihre schlichten, kraftvollen Formen machten sie zur Wegbereiterin des Expressionismus.

Ernst Ludwig Kirchner: Berliner Straßenszene
- 1913
- Öl auf Leinwand
- 121 x 95 cm
- Neue Galerie, New York
Zwei elegant gekleidete Frauen mit riesigen Federhüten, um sie herum Männer in dunklen Mänteln, die sie mustern: Kirchner zeigt das Berliner Nachtleben als nervöses Gedränge. Die Figuren sind lang und spitz wie Scherben, die Farben schrill zwischen Pink, Grün und Blau. 2006 wurde das Bild an die Erben des jüdischen Sammlers Alfred Hess zurückgegeben, dem es in der NS-Zeit verloren gegangen war. Heute hängt es in New York.

Franz Marc: Blaues Pferd I
- 1911
- Öl auf Leinwand
- 113 x 85 cm
- Lenbachhaus, München
Ein junges, leuchtend blaues Pferd steht vor einer bunten Hügellandschaft und senkt den Kopf. Franz Marc hatte eine eigene Farbenlehre: Blau stand für ihn für das Geistige und Männliche, Gelb für das Sanfte und Weibliche, Rot für die schwere Materie. Tiere hielt er für reiner und unschuldiger als Menschen. Im selben Jahr gründete er mit Wassily Kandinsky den „Blauen Reiter“. Fünf Jahre später fiel er mit 36 Jahren im Ersten Weltkrieg.

Egon Schiele: Selbstbildnis mit Lampionfrucht
- 1912
- Öl und Deckfarben auf Holz
- 32 x 40 cm
- Leopold Museum, Wien
Den Kopf leicht geneigt, die Haare zerzaust, der Blick prüfend über die Schulter – so malt sich der 22-jährige Schiele vor einem fast leeren, hellen Hintergrund. Daneben leuchten die roten Früchte einer Lampionblume. Das Bild ist das Gegenstück zum Bildnis seiner Freundin Wally Neuzil, das im selben Museum hängt. Kaum ein Künstler hat sich so oft, so schonungslos und so selbstbewusst selbst dargestellt wie Schiele.

Egon Schiele: Zwei sich umarmende Frauen
- 1915
- Bleistift, Aquarell und Deckfarben auf Papier
- Museum der Bildenden Künste, Budapest
Schiele war vor allem ein genialer Zeichner. Mit wenigen, scharfen Linien setzt er zwei eng umschlungene Frauen aufs Papier, die Körper kantig, die Haut in Aquarellfarben nur angedeutet. Seine offenen Darstellungen von Körper und Sexualität schockierten das Wien seiner Zeit: 1912 saß er 24 Tage im Gefängnis, ein Richter verbrannte eine seiner Zeichnungen. Heute zählen genau diese Blätter zu den gesuchtesten Werken der Moderne.

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Zur Schiele-Kollektion →Verfemt und verfolgt: Der Expressionismus und die „entartete Kunst“
Nach dem Ersten Weltkrieg war der Expressionismus in Deutschland anerkannt, die Museen kauften seine Bilder. Das änderte sich 1933 schlagartig. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten 1937 rund 20.000 Werke moderner Kunst aus deutschen Museen und stellten viele davon in der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ an den Pranger. Ernst Ludwig Kirchner, der in die Schweiz gezogen war, nahm sich 1938 in Davos das Leben. Viele Bilder wurden verkauft, verschwanden oder wurden verbrannt.
Dass wir die Werke von Kirchner, Marc oder Schiele heute wieder in den großen Museen sehen können, ist auch ein Stück wiedergewonnene Freiheit. Wie es danach weiterging, zeigt die kühle, präzise Gegenbewegung der 1920er-Jahre: die Neue Sachlichkeit.
Fazit: Malen, was man fühlt
Der Expressionismus hat der Kunst erlaubt, laut zu sein. Munchs Schrei, Marcs blaues Pferd und Schieles kantige Körper sagen nicht, wie die Welt aussieht, sondern was sie mit uns macht. Damit haben die Expressionisten die Tür zur abstrakten Kunst aufgestoßen: Wassily Kandinsky ging nur wenige Jahre später so weit, ganz auf Gegenstände zu verzichten. Und bis heute ist ihre Farbigkeit und Wucht unmittelbar zu spüren.
















